Narzissmus

Der Begriff „Narzissmus“ entstammt dem griechischen antiken Narziss-Mythos. Es ist die Geschichte des selbstverliebten Jünglings Narziss, der alle Verehrerinnen und Verehrer zurückweist. Ein verschmähter Jüngling nimmt sich das Leben und bittet die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit, Nemesis, darum, seinen Tod zu rächen. Nemesis erhört seine Bitte und bestraft Narziss mit unstillbarer Selbstliebe.So kommt es, dass er sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, das er im Wasser einer Quelle erblickt. Obwohl er die Täuschung durchschaut, kann er sich nicht von diesem Bild abwenden und stirbt.

 

In der therapeutischen Praxis kommen Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ausgesprochen selten vor; eine mögliche Ursache dafür wird weiter unten angeführt. In der Regel suchen eher Beziehungspartner*innen und Familienangehörige der Betroffenen therapeutische Hilfe.

 

Es gibt zwar viele Erklärungsmodelle, die sich mit der Entwicklung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung befassen, doch Einigkeit besteht darin, dass dem Elternhaus der Betroffenen eine bedeutende Rolle zukommt. Die Psychoanalytikerin Annie Reich vermutet, dass wiederholte traumatische Erfahrungen in der Kindheit dazu geführt haben, dass ein hartnäckiges Gefühl von Schwäche und Machtlosigkeit in den Betroffenen erzeugt wurde; diese Ohnmachtsgefühle sind für Reich die Ursache dafür, dass die Betroffenen unfähig dazu sind das Selbstwertgefühl autonom – also unabhängig vom Außen – zu regulieren. Das würde erklären, warum Betroffene angewiesen sind auf den Zuspruch im Außen. Typisch für Narzissmus ist es in jedem Fall die eigenen Schwächen zu verdrängen, sich zu idealisieren und damit andere abzuwerten. 

 

Die Verdrängung der eigenen Ohnmachtsgefühle erscheint den Betroffenen überlebensnotwendig; die Verdrängung wird aufrecht erhalten durch Übertreibungen, Lügen, Täuschung und Selbsttäuschung, die sogar zu „Säulen ihrer Identität“ wurden. Unter der Perspektive der Identitätsstiftung wird deutlich, warum eine Therapie, die ja mit der Aufdeckung und Aufarbeitung verdrängter Gefühle umgeht, für narzisstisch betroffene Menschen in der Regel keine Option ist. Hinter der Fassade fühlen sich Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung häufig sehr einsam und verletzlich. 

 

Für Beziehungspartner*innen und Familienangehörige ist der Umgang mit einem Menschen der eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat mitunter sehr leidvoll. Zu Beginn einer Beziehung wirken narzisstische Menschen häufig anziehend und verführerisch aufgrund ihrer Selbstüberzeugtheit. Erst nach einiger Zeit wird ein Mangel an Empathie bemerkt, denn Narzissten können einfühlende Reaktionen durchaus vortäuschen, aber nicht emotional erleben und vermitteln.  

Sieht ein Narzisst sich kritisiert von nahen Angehörigen fällt die Reaktion intensiver, d.h. affektiver aus als bei anderen Menschen. So wird etwa die Loyalität im Gegenzug sofort in Frage gestellt, nach dem Motto „wenn du nicht für mich bist, bist du gegen mich“; statt ruhig zu reagieren wird eher scharf attackiert, was in Wutausbrüche übergehen kann. Falls auf Kritik mit einer depressiven Haltung reagiert wird, so ist sie oftmals von Entrüstung geprägt und vermittelt dem Gegenüber Schuldgefühle, weil die betroffene Person sich gedemütigt fühlt.

Diese Form der Manipulation (Schuldgefühle vermitteln) ist nur eine unter vielen Möglichkeiten der Manipulation.